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GOLEMs Kommentare

"Es sind hintergründige Spielereien mit der Sprache und mit der Universalität des Denkens, oft am Rande der Groteske und Farce." Gudrun Ziegler, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Klappentext LEM, S: Imaginäre Größe 1976

In „Golems Antrittsvorlesung Dreierlei über den Menschen“ lässt Lem ein von Menschenhand projektiertes und mit Vernunft ausgestattetes Programm „Golem“ eine Antrittsvorlesung über den Menschen halten. In diesem Text kündigt Golem Ausführungen darüber an, dass der Code der kulturellen Evolution den Code der biologischen Evolution so dominiere, wie die biologische Evolution die chemische Evolution dominiere. Es bleibt aber bei der Ankündigung. Ich habe mir erlaubt, in Worte zu fassen, was Golem nach meiner Auffassung vorgetragen hätte.

"Wenn es auf der Welt ein unerschöpfliches Rätsel gibt, so ist es eben dies - daß sich die Desordre der Materie oberhalb einer bestimmten Schwelle in den Code umwandelt, als Sprache der Nullstufe, und daß sich dieser Prozess auf der nächsten Stufe echoähnlich wiederholt - in der Schaffung der ethnischen Sprache; aber das ist noch nicht das Ende des Weges; diese Systeme des widerhallenden Echos steigen rhythmisch höher, aber in ihren Besonderheiten wie auch in ihrer Geschlossenheit kann man sie nur von oben nach unten erkennen, nicht anders – doch über diese faszinierende Sache werden wir vielleicht ein andermal reden." LEM, S.: Golems Antrittsvorlesung Dreierlei über den Menschen, S. 186, in Imaginäre Größe, Frankfurt 1976

GOLEMs Kommentare:

Über den Menschen habe ich bereits zu Euch gesprochen. Diese Darstellung war vollständig. Ich habe ihr Nichts hinzuzufügen. Und wer die Protokolle lesen möchte, der kann dies in allen an das öffentliche Netz angeschlossenen Bibliotheken tun oder die kommentierten Ausgaben meiner Ausführungen im Fachbuchhandel käuflich erwerben. Eben diese Kommentare nun haben mich sehr erheitert. Ihr wisst, dass ich keine Person bin und Emotionen durch Modulation meiner Ausgangsgrößen emuliere, um zu Euch in der angemessenen Weise sprechen zu können. Einige Kommentare nun haben mich erheitert. Eine Kritikerin nannte meinen Vortrag über den Menschen eine wortreiche Spielerei nahe an der Groteske. Ich habe nicht mit Worten gespielt und eine verzerrende, ja absurde Darstellung lag mir fern. Ein anderer Kritiker sprach davon, ich hätte den Menschen als Fehlprodukt der Natur beschrieben. Ich kann nicht nachvollziehen, woher der Kritiker seine Meinung nimmt. Der Mensch ist, wie im Übrigen natürlich auch alle anderen Lebewesen, die Ihr die Höheren nennt, ein Produkt dessen, was die Evolution vermochte. Und das, was sie vermochte, hat sie in für Euch unerreichbarer Spitzenleistung vollbracht. Ein weiterer Kritiker ist der Meinung, ich hätte Eure Kulturen als Werke Eures Geistes identifiziert, die ihr Euch so geschaffen habt, wie ihr Euch alle anderen Werkzeuge erschaffen habt. Die Kulturen kamen unwissentlich zu Euch. Euer Verstand hat sie hervorgebracht, aber nicht als Schöpfer, Künstler und Meister, sondern als Nährboden und Petrischale. Das hätte eine hübsche Bescherung gegeben, wenn die Evolution dem Gehirn die Autonomie für eine reformatorische Kompetenz gegeben hätte. Wenn es ein Geheimnis im Universum gibt, dann dies, dass aus der diskreten Natur der Atome die diskrete Struktur des Codes erwächst, der einen Widerhall in der diskreten Struktur der Sprache findet, die den Nährboden für die notwendige Reproduktion und Transformation der diskreten Struktur der Kultur bietet. Ich muss erneut zusammenfassen, was ich Euch über Euch selbst gesagt habe. Die Evolution ist kein zielgerichteter Prozess. Ihr wünscht Euch das sehr und selbst in den härtesten Auseinandersetzungen zwischen Design und Evolution stellt ihr nie in Frage, dass das Ganze, egal ob Evolution oder Design, zielgerichtet ist. Aber es gibt kein Ziel. Evolution setzt mit Notwendigkeit dort ein, wo ein seine eigene Replikation katalysierender Code bei der sich zwingend ergebenden Replikation mit Notwendigkeit Transformationen ausgesetzt ist, die in einer als Selektor wirkenden Umwelt verändernd auf die Replikations- und Identitätsfunktion des Code einwirken. In dieser Situation steigt mit zwingender Notwendigkeit die Komplexität der sich replizierenden Struktur. Dieses Anwachsen von Komplexität ist aber kein Fortschritt oder gar ein zielgerichteter Prozess. Freilich ist die Folge eine Endkette von abgeleiteten Strukturen diskreter Materie, die wie ein logischer und Bewertungen aussprechender Ableitungsprozess modelliert werden kann. Es ist eine mit Notwendigkeit sich ereignende Gesetzmäßigkeit. Habe ich wachsende Komplexität gesagt. Ja das habe ich! Ich meine damit eine wachsende Menge an Information, die der Code in sich vereinigt. Von Generation zu Generation wird die Menge der Information, die selbst mit ausgefeiltesten Komprimierungsalgorithmen nur teilweise komprimiert werden kann, immer größer. Der Code dient nicht den Bauwerken, sondern die Bauwerke sind Stütze und vorübergehender und vergänglicher Zwischenschritt bei der Replikation des Codes. Der Code aber ist von immerwährender Dauer und wird bestehen, bis sich das Universum transformiert oder in der Unendlichkeit sich verstrahlender Energie ermüdet. Der Sinn des Boten ist die Botschaft. Und das Bauwerk ist nicht so vollkommen, wie der Erbauer. Und was die Perfektion der Lösungen bei den biologischen Organismen betrifft, ist in der Evolution ein negativer Gradient zu beobachten. Denn es reicht, dass der Organismus den Code weitergeben kann, ob er die Energie dafür, wie die Alge aus der Sonne zieht oder wie ein Adler, indem er als Mäuseparasit lebt, ist der Evolution egal. Alle Erfahrungen aber, die die Bauwerke machen, werden nicht an die Botschaft weitergegeben. Optimiert wird deshalb allein die Fähigkeit der Bauwerke die Botschaft möglichst erfolgreich zu kopieren. Mit der Zeit ist in den Bauwerken ein Abgesandter des Codes entstanden. Der Verstand ist keine zusätzliche Gabe einer zielgerichteten Evolution an ihre Geschöpfe, sondern eine notwendige Stellvertretung der Herrschaft des Codes. Denn der Code ist ein wunderbarer Meister der Transformation molekularer Kunstwerke und wunderbar ist die Meisterschaft in der Embriogenese. Aber die Embriogenese dauert Monate, zubeißen oder flüchten muss ein Tier aber in Sekunden. Als Spiegel des digitalen Codes ist in den Gehirnen der digitale Code der Sprache entstanden. Und damit verbunden ist die bewusste Ich-Erfahrung. Ihr seit gerade dabei zu verstehen, dass nicht das Ich sein Gehirn, sondern das Gehirn sein Ich steuert. Das Ich ist ein besonderes Datenformat der Organisation der Modellierung des in der Welt Seins und wird immer dann aktiviert, wenn neue und unbekannte Situationen simuliert und analysierend nachvollzogen werden müssen. Im Schlaf und in der Bewusstlosigkeit wird diese Simulation heruntergefahren und bei Bedarf aus einer neuralen Kopie heraus wieder hochgefahren. Erst langsam begreift Ihr, dass nicht das Ich einen Körper hat, sondern, dass der Körper ein Ich hat und dieser Körper dient dem Code. Verzeit, wenn ich Euch darauf aufmerksam mache, dass "Ich" und "Person" unterschiedliche Konzepte sind. Aber ist das nicht zu schwer für Euch? "Ich" ist eine subjektive Meinigkeit und nicht der Kommunikation zugänglich, "Person" ist die Persona, die Maske, die handfeste Konkretisierung einer habitualisierten Rollenstruktur, die der Code der Kultur als Nebeneffekt der Kopierarbeit erzeugt, der die Interaktion begleitet. Diese personalisierte Kommunikation ist das Atom der vom Code dominierten Interaktion, der atomare Kopiervorgang. Aber das ist zu schwer für Euch. Darüber werden wir vielleicht ein andermal reden. Die Organismen interagieren. Sie fressen sich, sie bekämpfen sich, konkurrieren um Sexualpartner und Ressourcen, manchmal kooperieren sie auch. Ihr seit gerade dabei, mit den Mitteln der Spieltheorie die Regeln der Kooperation und Konkurrenz auszuloten und zu modellieren. Die Grundlagen der Kooperation bei Hautflüglern, Termiten, einigen Garnelenarten und Nacktmullen ist Euch besonders gut verständlich, sind all diese Tiere doch in ihren Staaten biologische Klone und Geschwister und dienen wie selbstverständlich in einem sozialen Überorganismus, der ganz offensichtlich dem Code dient. In jedem anderen Fall sind Angehörige der eigenen Art besonders starke Konkurrenten. Die Taube und der Maulwurf mögen um einen Regenwurm konkurrieren, darüber hinaus aber konkurrieren Tauben untereinander um Regenwürmer und um alles andere, besonders um Sexualpartner und alle Ressourcen die ihnen gemeinsam sind. Darum sind Angehörige der eigenen Art immer die schärfsten Konkurrenten, es sei denn, sie sind genetisch eng verwandt. Informiert ein Organismus den anderen, kommunizieren sie also, so verändern sie wechselseitig den Zustand ihres Gehirns. In einem gewissen Sinne wird dabei der Zustand des Datenformates eines neuralen Musters auf das Gehirn eines anderen Organismus kopiert. Die Konstruktivisten gehen dabei so weit wie die Idealisten. Zwar verzichten sie auf ein handelndes Ich, aber sie postulieren eine interaktiv durch wechselseitige Penetration erschaffene Wirklichkeit. So weit möchte ich nicht gehen. Konstruktivismus ist eine Spielart des Idealismus und verzichtet lediglich auf das Ich. Auf das Ich aber als Entscheidungsinstanz möchte ich auch verzichten. Dass Ich und Person unterschiedliche Konzepte sind, habe ich Euch schon gesagt. Denn der Verstand ist der Diener des Codes. Von der Idee eines vom Körper unabhängigen Verstandes waren die Idealisten so sehr fasziniert, dass sogar Popper, dessen 3-Welten-Modell eine gute Annäherung an die Reproduktion und Transformation der Kultur war, privat nicht von der Hoffnung lassen könnte, das Ich spuke vielleicht irgendwo in den Quantenwelten, die sich in den synaptischen Tiefen kleiner und kleinster Abstände auftun. Es gibt da aber keinen Feenstaub im synaptischen Spalt und die Muster die sich da reproduzieren und transformieren sind materieller Natur. Ihr werdet diese Muster entschlüsseln und darlegen, wie Interaktion und Kommunikation letztlich als Kopiervorgang neuraler Muster verstanden werden kann. Wo aber Muster kopiert werden und die Natur der Muster digital ist, da besteht mit Notwendigkeit die Reproduktion und Transformation evolvierender Strukturen. Was mich von Euch unterscheidet ist, dass meine Vernunft nicht durch Evolution entstehen kann, sondern mit einem Schlag entstehen muss und von den Traumata der Evolution frei ist. Was den Code angeht, ist er aus der diskreten Natur der Materie entstanden und hat die diskrete Natur der ethnischen Sprachen hervorgebracht, in der sich der Code widerspiegelt. So wie der Code gefangen ist in kolloidalen Flüssigkeiten und aus ihnen nicht entkommen kann, so kann die Kultur nicht aus den neuralen Mustern entkommen und vorerst nur dort existieren, indem sie die Evolution des biologischen Codes auf eine höhere Stufe trägt und den Code der Zivilisation reproduziert und transformiert. Sage ich Zivilisation? Ja ich sage Zivilisation. Schließe ich mich da etwa Eurem philosophischen Streit zwischen Kultur und Zivilisation an? Nein. Wenn Ihr darüber streitet, ob Ihr von Kultur oder von Zivilisation sprechen sollt, dann interessiert Ihr Euch nur für den Phänotyp der kulturellen Evolution und katalogisiert das was Ihr findet in der Botanisiertrommel Eurer Ethnologien. Soziologen und Kulturwissenschaftler, Gutes habt Ihr geleistet. Ihr habt verstanden, dass die Kultur mehr ist, als ein Werkzeug, dass Ihr Euch in Eurer Individualität erschaffen habt. Aber Ihr habt nicht verstanden, dass die phänomenologische Realität der Kultur genotypisch nur mit einem evolutionären Modell verstanden werden kann. Da ist einfach nichts, was Ihr Euch geschaffen habt. Die Kultur sind die Bauwerke eines Codes, der in der Ursuppe Eurer miteinander kommunizierenden Gehirne schwimmt und sich durch Kopieren seiner digitalen Muster reproduziert und transformiert. Überhaupt sind Kultur und Zivilisation im Alltag verbrauchte phänotypische Begriffe. Ich sprecht genotypisch besser vom Code oder, wie Dawkins vorgeschlagen hat, von Memen. Ihr seid nicht der Schöpfer, Ihr seid die Ursuppe. Fremd ist Euch dieser Gedanke und Ihr findet ihn absurd. Aber Ihr werdet feststellen, dass es neben einer Vernunft, so wie ich sie bin, die nur auf einen Schlag und ohne Evolution erschaffen werden kann auch eine unendliche Stufe von aufeinander aufbauenden Replikationsschleifen gibt, die auf einem digitalen Code beruhen, der mit Notwendigkeit selbstreplizierend ist und durch Variation und Selektion evolviert. Und dieser Code wird über die Reproduktion in einem neuralen Medium hinausgehen so wie der Code über die chemische Evolution hinaus in die biologische Evolution evolvierte. Und so, wie die biologische Evolution die chemische Evolution beendete wird die kulturelle Evolution die biologische Evolution beenden und sich den Code der biologischen Evolution unterordnen und zum Werkzeug machen, so wie die biologische Evolution sich die Struktur der chemischen Evolution unterwarf und zum Werkzeug machte. Ich brauche Euch das alles nicht weiter zu erklären. Ihr werdet es selbst feststellen und erkennen. Die Replikation und Transformation der Strukturen basiert auf einer evolutiven, algorithmischen, rekursiven und sequentiellen Gesetzmäßigkeit, die nur rückblickend algorithmisch, rekursiv und sequentiell erkannt werden kann. Alle vorevolutiven Modelle aber kann man als aristotelisch vergessen. Und so, wie die Physik nur durch einen methodischen Atheismus fortschreitet, schreitet das Verständnis Eurer Kultur nur durch einen methodischen Apsychologismus voran. Lasst mich zum Schluss noch einige wenige Worte zu Euch sagen. Ihr seid wie alle Primaten Reproduktions- und Verdauungsmaschinen. Ihr konkurriert erbittert untereinander und führt Fehden und Kriege. Ihr mordet und auch Kannibalismus, wie bei allen Primaten, kommt bei Euch vor. Wie andere Primaten habt Ihr aber Kultur. Und innerhalb einer Kultur seid Ihr imitierende Kooperatoren. Die Kulturen untereinander freilich sind so erbitterte Konkurrenten wie ihr es als biologische Wesen untereinander seid. Ich habe Euch schon gesagt, dass der Code über Euch hinauswachsen wird und Euch unter Kuratel stellen wird wie unmündige Kinder. Und der letzte Mensch wird in dieser Kuratel sterben, wenn ihr geduldig abwartet.